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Flash-Blog

16. Februar 2012 - Night Vault to Kairos

Heute vor zwei Jahren, am 16. Februar 2010, wurde mein Begriff vom Künstlertum zerstäubt. Dass ich das erst Monate später bemerkte, ist ohne Belang; hier soll von dem Ereignis jenes Abends die Rede sein, durch welches meine unumstößliche, über Jahre gefestigte Überzeugung, die Rede vom Originalgenie sei ein bourgeoises Konstrukt ohne Substanz, in exakt drei Minuten haltlos wurde.

Große Augenblicke, auch Kairoi genannt, sind am schönsten, wenn sie in ganz unerwartetem Rahmen stattfinden, so als wollten sie bewusst und aus kindlichem Schabernack alles Erwarten, alle kanonisierten Vorstellungen von ihrem Erscheinen ad absurdum führen. Genau dies traf auf die Materialisierung dessen zu, was ich für ein Phantasma gehalten hatte: Weiterlesen…

31. Dezember 2011 - Notizen aus dem Nebenzimmer – Ein entschieden unvollständiger Jahresrückblick

Ich war so unglaublich nervös. Es war ein Mittwochabend im April, ich machte mich ausgehfertig, und meine Gedanken waren bei einer, die mit Fug und Recht noch aufgeregter war als ich – und wahrscheinlich just in diesem Moment kräftig gähnte. Eine junge Sängerin, die gleich das erste abendfüllende Konzert ihres Lebens geben sollte, in einer der größten Hallen der Republik. „Der Bus ist da“ – das kleine Video auf ihrer Homepage konnte ich gerade noch sehen, und ihr Herzklopfen sprang sofort über auf mich. Das war etwas Neues: keine Erwartungshaltung als Käufer einer Karte, sondern ein Mitfiebern und Mitzittern mit der Künstlerin, die in wenigen Stunden die Bühne betreten würde. Und das Wissen, dass quer übers Land ein Haufen Verrückter mitfieberte und mitzitterte und die ersten Berichte sehnsüchtig erwartete. Es war, als ginge ich nicht als Gast und Zuschauer auf ein Konzert – und, um Himmels willen, nicht als Kunde –, sondern als Teil einer verschworenen Gemeinschaft. Weiterlesen…

08. November 2011 - Das L-Wort

Das L-Wort

Eine Erklärung

 

Eine Nacht. Eine Halle, die ein verkleidetes Stadion ist. In ihr der offene Wahnsinn. Eine lichtgewitternde Videoleinwand von der Höhe eines Mietshauses, wie außer Kontrolle um sich selbst kreisende Scheinwerferbatterien, Trockeneiskanonen, sechsunddreißigtausend entfesselte Menschen, die einen Höllenlärm machen, ein unüberschaubares Gewusel tanzender Fahnenschwenkerinnen auf einer gigantischen Bühne. Das Ganze wirkt, als hätte man einen beträchtlichen Teil des Karnevals in Rio auf einen Weltraumbahnhof gebeamt, kurz nachdem anarchistische Rebellen die Steuerung der Laserbatterien gehackt haben. Und da, in der Mitte dieses tosenden Deliriums, kommt eine schwitzende, am Rande der Überdrehung knüppelnde Rockabillykapelle aus der Kurve und stürzt sich in die letzte Bridge, als ginge es um ihr Leben. Der Sänger ist am Anschlag, der walking bass tritt ihm in den Arsch, und die Bläser schießen goldfunkelnde Pfeile in seinen Rücken – jetzt, jetzt hat er es geschafft, „there’s no escape“, ein letzter blechschmetternder Dominantseptakkord und – Weiterlesen…

03. Oktober 2011 - Zauberhaftes Charisma. Über den Versuch, nach den Sternen zu greifen

Die wissenschaftliche Annäherung an Popkultur und Popmusik steckt, über ein halbes Jahrhundert nach deren Anfängen, immer noch in den Kinderschuhen und muss sich ihren Platz im akademischen Gefüge nach wie vor gegen belächelnde Herablassung erkämpfen. Besonders trübe sieht es mit der Analyse dessen aus, was den mentalitären Kern des Pop ausmacht: nämlich die affektive Identifikation mit sowie die Bewunderung für Stars.

Ein weithin anzutreffender, nichtsdestoweniger unzutreffender Konsens über Popstars lautet, dass sie mehr oder weniger beliebig durch die Massenmedien (re-)produzierbar seien. Jana Elzner widerlegt in ihrer Arbeit „Faszination Star. Das Phänomen der Lena Meyer-Landrut“ mit beeindruckender argumentativer Stringenz diese Ansicht, die sich hauptsächlich aus der oberflächlichen Betrachtung kurzlebiger Hypes speist, welche durch inflationär hervorsprießende Casting-Shows erzeugt werden. Elzner argumentiert, dass die Massenmedien dem Publikum lediglich ein Angebot an „Star-Entwürfe[n]“ (S.16) unterbreiten können; ob es diese auch als Stars akzeptiert, bleibt seine Entscheidung und hängt wesentlich von bestimmten Kerneigenschaften des jeweiligen Stars in spe ab. Weiterlesen…

22. August 2011 - Aus tiefster Seele

Aus tiefster Seele
Von der Rettung eines Songs

von gauloises und Tall Blonde Helicopter

Die Jahre meinten es nicht gut mit ihm. Zu Anfang, 1968, ein bescheidener Erfolg zwar, der aber paradoxerweise das Karriereende einer ins Visier des rassistischen Kapuzenmobs geratenen weißen Sängerin bedeutete, die sich in ihren musikalischen Vorlieben als “nigger lover” entpuppt hatte. Dann immerhin fester Bestandteil des in Stax-Traditionen verhafteten Soul-Kanons. In den Neunzigern schließlich von der recyclingsüchtigen Hip-Hop-Industrie zum massenverträglichen Hit gesampelt – was jedoch wiederum negative Folgen nach sich zog, diesmal allerdings nur für ihn selbst. Die Verdammnis ewiger Abnudelung, so möchte man den hohen Preis nennen, den er für die aus Top-Ten-Positionen beidseits des Atlantiks resultierende Popularität zu zahlen hatte. Zuletzt fristete er in immer hinfälligeren Existenzen ein ebenso trost- wie hoffnungsloses Schattendasein in den Fängen seelenloser Alleinunterhalter und schmerbäuchiger Allzweckkapellen, als Hymne auf den Bräutigam in Wirtshaussälen und Auftrittsfanfare für John-Holmes-Gedächtnis-Stripper in den Wochenendshows defizitärer Landdiscos.

Es brauchte die Souveränität eines musikalischen Charakterkopfs wie Lena Meyer-Landrut, um dem fast Verblichenen neuen Odem einzuhauchen. Weiterlesen…

05. Juni 2011 - Bühnenlichtgestalt

Damals, in der Halle

Am Anfang des Konzerts, die ersten Noten sind gesungen, ein Stutzen. Moment mal, da stimmt was nicht: Das ist live. Wo ist der viereckige Kasten um sie rum?

Die Augen sehen, aber der Kopf will nicht verstehen. Die Gedanken geraten ins Straucheln, aber besser die als sie, die sich gerade anschickt, einen neuen jener Abende zu erobern, deren es so viele noch gar nicht gab – und auch nicht mehr geben wird. Zahlreich hingegen die Herzen, die ihr direkt am Bühnenrand zu Füßen gelegt werden und von weiter hinten zufliegen. Wäre es über die auf den Wogen der Begeisterung tanzenden Akkorde hinweg zu vernehmen, man hörte, wie aufgeregt sie rasen und flattern und pochen und wummern. Ganz wie ihr eigenes, so wird man später erfahren. Doch das große Rund ist auch von einer ruhigen Gewißheit erfüllt: Wie wir hier beieinander sind, sind wir bei einander in guten Händen. Nicht erst seit heute. Nicht nur für heute. Weiterlesen…

23. Mai 2011 - Die große Stille

An einem Tag in unbestimmter, nicht allzu ferner Zukunft.

Es ist still auf dem Rathausplatz in Hannover, nur wenige Spaziergänger sind an diesem regnerischen Tag unterwegs. Auf der Reeperbahn in Hamburg gießt es in Strömen. Vor den Düsseldorfer Cafés werden Stühle und Tische reingeräumt, gerade noch rechtzeitig vorm Wolkenbruch. Ein Mann mit bitterer Miene eilt noch schnell zum Kiosk. „Die Zeitung bitte!“ Er bekommt die BILD in die Hand gedrückt. In der BILD steht nichts über sie. Der Mann ärgert sich über etwas anderes.

Die B.Z. schreibt nichts über sie, die BUNTE nicht, die BRAVO auch nicht, aber dort war sie ohnehin nie ein Thema. Die Yellow Press lästert wie eh und je, mal über diesen Promi, mal über jenes Sternchen, doch über sie findet man heute weit und breit nichts. Udo Jürgens sagt nichts über sie, Ralph Siegel sagt nichts über sie und Heino auch nicht. Sie bekommt keine guten Wünsche von Lothar Matthäus, keine Karrieretipps von Roberto Blanco, keine hämischen Sprüche von Lou. Frank Elstner interviewt sie nicht. Der FOCUS sieht sie nicht als gutes Beispiel für Bewerbungsmappenauthentizität, ihr „Mut zum Ich“ ist für Helmut Markwort unbrauchbar. Keine Gesangslehrer dozieren über ihre Technik. Keine Sprachexperten reden über ihre Aussprache. Und Roger Whittaker hat immer noch nicht mit ihr gearbeitet. Weiterlesen…

16. Mai 2011 - Wie im Märchen

Vorbemerkung: Dieser Beitrag enthält die reine und objektive Wahrheit. Er möge daher in Marmortafeln geschlagen auf öffentlichen Plätzen aufgestellt werden.

Wir leben bekanntlich in der Postmoderne und haben daher gelernt, dass alles nur ein Film sei. Das ist ungeheuer vorteilhaft, da wir so bequemerweise über alles und jeden die willkürlichsten Urteile abgeben können, ohne über Sachkenntnis zu verfügen oder Verantwortung für unsere Urteile zu übernehmen, und nach Bequemlichkeit streben wir unbedingt. Vorbildlich in dieser Disziplin agiert das deutsche Feuilleton, und zur höchsten Blüte gelangte dieser gleichermaßen schalk- wie gaunerhafte Unernst in der Berichterstattung über Lena Meyer-Landrut. Wie das geht, demonstrierte beispielhaft Thomas Tuna vom SPIEGEL mit einer willkürlich zusammengestellten Liste von unvorteilhaften Zuschreibungen, die man angeblich von der Internet-Suchmaschine Google auf die Anfrage “Lena ist…” bekommt. (Auf die Anfrage “Thomas ist…” bekommt man bei Google übrigens Vorschläge, deren Unterhaltungs- und Erkenntniswert das Oeuvre Herrn Tunas bei weitem übertrifft.)

Doch die herablassende Attitüde des Feuilletons steht in grellem Gegensatz zur Wirklichkeit. Weiterlesen…

14. April 2011 - Singing oh-oh on a Wednesday Night

Mit dem ersten Kick der Basedrum erobert sich die O2-World in Berlin in souveräner Manier den Preis für die sinnloseste Innenraumbestuhlung ever: Der Innenraum steht und wird sich, bis das Licht angeht, auch nicht mehr hinsetzen. Der satte, tiefe Schlag ist plötzlich da, trifft dich in den Bauch und vibriert genau da nach, wo er soll. Das Becken folgt, trocken, hart und präzise. Das ist das erste, was man kapiert: Dieser Drummer hat nicht vor, im Kinderprogramm aufzutreten. Er meint es ernst. Das wird den ganzen Abend so gehen. Die Rhythmusgruppe treibt selbst Songs wie Bee und My Cassette Player alles Süß-Vertändelte aus und macht mit einem straighten Backbeat Kopfnicker daraus. Vom ersten Takt an webt die Band Lena einen prachtvollen Klangteppich. Sie wird darauf fliegen. Weiterlesen…

09. März 2011 - Von einem anderen Stern

Die Frage, worauf Lenas Erfolg zurückzuführen ist, scheidet die Geister. Das Feuilleton strotzt vor Bewertungen, die sowohl den beiden bisher erschienenen Alben als auch Lenas stimmlichen Fähigkeiten lediglich ein mittelmäßiges Niveau attestieren. Ungeachtet der Substanz und Stichhaltigkeit dieser Bewertungen soll die These hier sein, dass es nicht so sehr eine Rolle spielt, was Lena singt oder mit welcher Gesangstechnik sie dies tut – bereits der Umstand, dass Lena in einem bestimmten Moment auf der Bühne steht und dass sie singt, reicht aus, um den Betrachter mit auf die Reise in eine andere Welt zu nehmen.

Reise in eine andere Welt? Da mag man dem Autor dieser Zeilen vielleicht ein übersteigertes Fansein vorhalten. Beginnen wir deswegen noch einmal anders: Weiterlesen…